Einführungsrede von Stephanie Regenbrecht, Hamburg, zur Vernissage DAILY NEWS von Agnes Pschorn

"Ich darf Sie heute begrüßen zu den „Daily News“ von Agnes Pschorn und danke ihr und der Gedok auch sehr herzlich für diese Einladung. Dadurch auch etwas vom wirklichen Sommer mitzubekommen, der sich in Hamburg momentan doch eher um die 19 Grad bewegt und vorgestern dann auch noch im riesigen Weltuntergangssturm entladen musste...

Und da sind wir auch schon mitten im Thema: den Daily News, den täglichen Nachrichten, die uns umgeben und wie das Lauffeuer eines Maschinengewehrs täglich auf uns eindonnern: Grenfell Tower, Trump, Macron , Pegida, Wahlkampf: Merkel und Schulz, Helmut Kohl ist übrigens tot, ein Dorf in China wurde verschüttet, der Brexit, NSU-Prozess, soll ich weitermachen? Ich denke sie können mir folgen und sind auch auf dem Laufenden...

Und jetzt haben wir es aber doch alle irgendwie geschafft in diesen Raum in Heidelberg zu finden, zwischen den mit leichtfüßigem Strich gemalten Werken von Agnes Pschorn, die voll bunter Bewegung die sommerliche Atmosphäre beschwingen. Die Künstlerin ist dabei nicht an gewohnte und klassische Darstellung gebunden, ihre Malerei kann zur puren Geste werden und findet an vielen Stellen doch wieder zur klaren Kontur. Lesbar in dieser, ihrer malerischen Qualität, beschwingen die Arbeiten unseren Samstagabend im Kunstgenuss. Doch lässt man sich herumwirbeln von der Tänzerin hier und in die Augen des schönen Mädchens dort, wird man ausgeschlossen vom schweren schwarzen Farbbalken am anderen Ende und folgt so dem Lauf von Bild zu Bild; reizen Titel, Entstehungsdatum, Szenerie, die im Hinterkopf gespeicherten Fetzen: was war da nochmal in den Nachrichten, was habe ich gelesen, dieses Schicksal hatte mich doch berührt und so fordert uns die Künstlerin zum Tanz entlang einer harten, politischen Realität und mitten hinein in den Gegensatz, der Absurdität des täglichen Lebens inmitten einer Weltgesellschaft.

Damit rücken die Bilder von ihrer rein malerischen Qualität in den Bereich der politischen Kunst. Doch diese hat per se einen schweren Stand, wird ihr doch oftmals vorgeworfen ein aktives, politisches Handeln durch eine Verklärung des Themas im Kunstwerk zu ersetzen. Der Unterschied oder die Schwierigkeit zwischen dem Antrieb oder der Darstellung eines gesellschaftlichen Prozesses und der Erklärung zur Kunst bzw. zu solchen Themen überhaupt künstlerisch zu arbeiten, vermischen sich mit den gesellschaftlichen Funktionen von Kunst die dann nochmals zum Gegenstand des künstlerischen Schaffens werden. Das hängt nicht nur eng mit dem Begriff von Kunst, der Wertigkeit eines Kunstwerks, Strukturen von Markt und Netzwerk zusammen, sondern ist auch ungemein eng verbunden mit dem jeweils individuellen Künstlerschicksal, das die eigene Linie des Schaffens, Arbeitens und den Chancen der Rezeption beinhaltet. Zudem laufen politische Tendenzen in der künstlerischen Praxis immer Gefahr „nicht zu neu justierter, kunstimmanenter Transformation zu gelangen und ihr Verfallsdatum scheint so vorprogrammiert.“ Nichts ist älter als die Nachrichten von gestern könnte man sagen. Doch nichts gibt uns ebenso Ruhe und Möglichkeit, ästhetische Erfahrung und Zerstreuung mit einem gleichzeitigen Angebot von Herausforderung und Konfrontation wie die Kunst, hier die Malerei, die sich mit der Gesellschaft auseinandersetzt.

Walter Benjamin schaffte es, aus den entlegensten Geistessplittern und naheliegendsten Alltäglichkeiten ein Mosaik einer ganzen Epoche zusammenzufügen und war der Auffassung: "Vergangenheit historisch zu artikulieren, heißt nicht, es erkennen, 'wie es denn eigentlich gewesen ist'."

Es ist in diesem Sinne vielmehr an der Zeit sich von den Fakten verunsichern zu lassen, den Weg der linearen Erzählung zu verlassen, sich auf die Erinnerung einzulassen und einfach zu sehen.
Und wo könnte man das besser als in einer Ausstellung?
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viele neue Entdeckungen, aber auch das Wiederentdecken der
„Daily News“.